TikTok ist bekannt für vielfältige Trends und virale Inhalte. Von Jelly Make-Up & der Avocado im Kaffee bis hin zu “#socialmediaisfake” ist mittlerweile für ausnahmslos jede(n) das maßgeschneiderte Stück Content nur einmal Scrollen entfernt. Ein besonders faszinierender Trend sind dabei die sogenannten Sludge-Videos. Inhalte, die oft im Split-Screen-Format präsentiert werden und mehrere Clips gleichzeitig kombinieren, um die Aufmerksamkeit der ZuseherInnen zu ergattern. Doch was steckt hinter diesem Phänomen und seinen Auswirkungen?
Was sind Sludge-Videos?
Sludge-Content auf TikTok umfasst Videos, bei denen verschiedene, oft unzusammenhängende Clips ein mehr oder weniger kohärentes Ganzes bilden. Dies könnte beispielsweise ein ASMR-Clip auf der einen Seite und ein “Subway Surfers”-Video auf der anderen sein, während ein „Text-2-Speech“ Programm parallel dazu noch einen inspirierenden Reddit-Beitrag vorliest.
Doch im ersten Moment klingt das alles nicht revolutionär: Immerhin war die gute alte “Bild-in-Bild”-Funktion schon vor rund 25 Jahren der Renner auf den heimischen Flimmerkisten. Was jedoch Anfang der 2000er hauptsächlich dazu diente, lästiger Werbung auszuweichen, ist heute zu einem fein abgestimmten Content-Monster herangewachsen, darauf ausgelegt, das meiste aus unserer Aufmerksamkeitsspanne zu holen. Das Resultat? Sensorische Überstimulation oder anders gesagt Eskapismus in seiner pursten Form.
Der Suchtfaktor
Ein wesentlicher Aspekt von Sludge-Videos ist außerdem sein hohes Suchtpotenzial. TikTok ist so konzipiert, dass es durch unendliches Scrollen und algorithmisch personalisierte Inhalte NutzerInnen möglichst lange auf der Plattform hält. Sludge-Videos verstärken diesen Effekt, indem sie uns kontinuierlich mit neuen Reizen versorgen und so die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass wir immer mehr wollen. Das passende Mantra dazu hatte der Künstler Richard Serra mit “If something is free, you’re the product” bereits 1973 formuliert.
Psychologische Auswirkungen
Auf die Gefahr hinaus, zu verteufelnd zu wirken: Der Unterhaltungswert und die kurzfristige Ablenkung sei diesen Videos zu keinem Zeitpunkt abgegolten. Ein ständiges Bombardement mit unterschiedlichen Inhalten kann unser Gehirn auf Dauer trotzdem nicht einfach so wegstecken.
Doch auch die Wissenschaft scheint sich hier nicht ganz einig: So können wir uns einerseits besser konzentrieren als noch vor 30 Jahren, während gleichzeitig gewarnt wird, dass unsere moderne Art des medialen Multitaskings laut einschlägigen Studien gehörige Konzentrationsprobleme heraufbeschwören kann.
Kulturelle Implikationen
Und warum ist das überhaupt relevant für uns? Die Beliebtheit von Sludge-Inhalten spiegelt schlussendlich größere kulturelle Trends wider. In einer Zeit, in der Multitasking und schnelle Informationsverarbeitung immer wichtiger werden, scheint Sludge eine natürliche, wenn auch extreme, Weiterentwicklung dieser Tendenzen zu sein. Nicht umsonst geht man heutzutage von den magischen 2,5 Sekunden aus. Denn mehr Chancen geben wir der Flut an Inhalten im Jahre 2024 schlichtweg nicht mehr.
Fazit
Nichtsdestotrotz wäre es altbacken, den Trend zu immer kürzeren Inhalten gänzlich zu ignorieren. Schließlich bieten uns Phänomene wie Sludge unverblümte Einblicke in die Funktionsweise moderner Medien, unser Konsumverhalten und die Art und Weise, wie mit unserer Aufmerksamkeit gespielt wird.
Wer am Zahn der Zeit bleiben will, muss also eine überlegte Entscheidung treffen: Will man sich den Bedürfnissen von heute anpassen und seine Inhalte noch kompakter formulieren oder stattdessen lieber bewusst gegen den Strom schwimmen? Denn auch für Slow-Form-Inhalte finden sich Enthusiasten. So oder so ist ein bewusster und reflektierter Umgang mit den Inhalten schlussendlich unerlässlich.
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