ORF

Clemens Pig – Neustart oder business as usual?

In der Nacht auf den 12.6. wurde nach mehr als 15 Stunden Hearings und Wahlprozedere Clemens Pig von den 35 Stiftungsrät*innen zum neuen ORF-Generaldirektor gewählt. Eine Überraschung war es nicht, schließlich ist er der Kandidat, auf den sich ÖVP und SPÖ im Vorhinein für die Leitung des (verfassungsgemäß eigentlich unabhängigen) ORF geeinigt hatten. Wer ist nun also der Neue und vermag er es im ORF den Neustart einzuleiten, den dieser so dringend benötigt?

Medienmanager Clemens Pig

Pig hat Politikwissenschaft studiert, gründete das Unternehmen Mediawatch, das er an die APA verkaufte, wo er seit 2016 als CEO tätig ist. Seine beiden Bücher: „Democracy dies in Darkness“ und der Nachfolger Welt ohne Wahrheit zeigen, dass ihm die zentrale Rolle der Medien für eine funktionierende Demokratie mehr als bewusst ist. In seinem erst kürzlich erschienenen zweiten Buch entwirft er die Idee einer von europäischen Medienhäusern getragenen alternativen Social-Media Plattform als eine Zwischenform von redaktionellem Journalismus und Dialog, die „eine gemeinsame digitale Wirklichkeit“ schaffen könnte und sich nicht dem Diktat einer emotionalisierenden Aufmerksamkeitsökonomie beugt.

Die Herausforderungen des ORF

Derartig große Pläne klingen in seinem Bewerbungskonzept an den ORF jedoch nicht an. Er identifiziert dort zwar die Probleme des veränderten Medienkonsums insbesondere der jüngeren Bevölkerung und die Konkurrenz internationaler Social-Media Plattformen, die Lösungsansätze bleiben jedoch sehr national und auf Kooperationen mit österreichischen Verlagen, privaten Sendern etc. beschränkt. Die bereits begonnene erfolgreiche Präsenz der ZIB auf Plattformen wie TikTok und Instagram kann jedoch nur ein Anfang sein, wenn sich das Verhalten junger Nutzer*innen weiter verlagert, und ist aufgrund der dortigen Abhängigkeit von undurchsichtigen Algorithmen auch keine dauerhafte Lösung. Und dann stellen sich noch die Fragen nach jenen ca. 20%, die den ORF laut Digital News Report 2026 für nicht vertrauenswürdig halten und nach jener stimmenstärksten Partei, die dem ORF zunehmend ihre eigenen Parteimedien vorzieht und nebenbei aktiv an seiner Zerstörung arbeitet. In diesen Zeiten der Krisen und des gesellschaftlichen Wandels bräuchte der ORF mehr Mittel anstatt Kürzungen, größere Visionen anstatt kleiner Anpassungen und eine Person an der Spitze, die nicht einem parteipolitisch durchdrungenen Stiftungsrat verpflichtet ist. Zumindest letzteres soll sich laut Koalitionsvertrag in Zukunft ändern.

Mehr dazu: https://www.derstandard.at/story/3000000318394/apa-ceo-pig-entwirft-europaeische-social-plattform-unter-redaktioneller-verantwortung

Digital News Report Austria 2026: https://digitalnewsreport.at/

Clemens Pigs Bewerbung: https://b.ds.at/lido-files/2026/06/04/20ee1c66-0963-4d0d-8dab-ffedd3b16242.pdf